Animal Hoarding


Wenn Haustierhaltung zur Sucht wird

ANIMAL HOARDING ist ein gesellschaftliches Phänomen auf dem Vormarsch

Was ist Animal Hoarding?

Hmelsee Katzen 14-07-2013Aus Funk und Fernsehen kennt sicher jeder Menschen, die entweder eine krankhafte Sammelleidenschaft haben (z.B. Zeitungen) oder nicht einmal in der Lage sind, ihren Müll zu entsorgen. Diese Sammel- oder „Müllmessies“ leiden unter einer ernsthaften psychischen Störung und sind häufig traumatisiert.

Wenn Menschen zu viele Tiere auf zu kleinem Raum halten, die Hygiene und Gesundheit von Mensch und Tier sowie das soziale Umfeld leidet, also eine artgerechte Unterbringung der Tiere (aus psychischen Gründen) nicht mehr gewährleistet werden kann, spricht man „Animal Hoarding“ oder auch von Tier-Messies. Da aber das Animal Hoarding in Deutschland nicht als eigenständige Erkrankung anerkannt ist, wird fast immer nur den Tieren geholfen, aber nicht den Menschen. Damit bleibt die Ursache für das Problem bestehen und die Rückfallquote liegt bei fast 100 Prozent: Der Betroffene fängt sofort nach der Wegnahme der Tiere wieder an zu sammeln oder lässt sich gar nicht erst helfen! Zudem ist der behördliche Spielraum eingeschränkt, da es keine gesetzliche Begrenzung von erlaubten Tieren pro Haushalt gibt und keine klare Definition. Auch die vielen Höfe und „Katzen-Omis“ mit zehn bis dreißig Katzen, sind letztendlich Animal Hoarder!

Welche Faktoren begünstigen das Horten von Tieren?

Entscheidend ist, dass das Animal Hoarding nur funktioniert, wenn es auch Menschen im Umfeld der Betroffenen gibt, die wegschauen! Als Voraussetzung für das Entstehen der Tiersammelei findet man stets die gleichen Gründe bei den Betroffenen. Die Liste dafür ist lang: wenn menschliche Beziehungen nicht mehr funktionieren, jemand ein gesellschaftlicher Außenseiter (vorbestraft, suchtkrank oder Einzelgänger) ist, dadurch entstehende soziale Isolation und die Ersatzbefriedigung dieser Leere durch die Tiere. Auch trifft man das Phänomen bevorzugt bei finanziell schlecht gestellten, einsamen oder älteren Menschen, nicht selten mit geringem Selbstwertgefühl oder Selbstzweifeln an.

Die Befriedigung hält jedoch meist nur kurzfristig an, darum kommen immer neue Tiere dazu! Damit hat das Animal Hoarding alle typischen Merkmale einer Sucht bzw. Abhängigkeit. Angehörige mit ähnlicher Struktur fallen dann zusätzlich schnell in eine sog. Co-Abhängigkeit und unterstützen das Verhalten unbewusst, um selbst nicht die Zuneigung zu dem „Tiermessie“ zu verlieren. Denn dieser kann Zuneigung und Liebe irgendwann nur noch gegenüber den Tieren verspüren und beginnt, Partner und Familie zu vernachlässigen. Dazu gesellen sich Eifersucht und Existenzängste. Tiersammler verleugnen das Problem vor sich und anderen, wissen oft nicht selber einmal, wie viele Tiere sie haben – nicht selten werden auch Massen von Kadavern und Gräbern gefunden - sind blind für die Verwahrlosung, das Elend und das Chaos! Scham, Verlustängste und die psycho-sozialen Defizite machen es ihnen unmöglich, Behörden um Hilfe zu bitten. Das Schlimmste für die Betroffenen ist, andere um Hilfe bitten zu müssen! Und den Behörden fehlen zuweilen Handlungskompetenzen oder z.B. eine mit allen Befugnissen ausgestattete Tierpolizei nach dem Vorbild anderer Länder.

Welche Ursachen und Auslöser hat das Messie-Syndrom?

Die Ursachen für alle Messies liegen oft weit zurück, nicht selten schon in der Kindheit oder sie werden durch traumatische Erlebnisse ausgelöst. Das Sammeln ersetzt Verluste, Leere, Einsamkeit oder Entbehrungen bzw. Traumata aus der Kindheit - wie gestörtes Eltern-Kind-Verhältnis, fehlende Liebe, Gewalterfahrungen etc. - und sind Ausdruck dafür, nicht erwachsen werden zu wollen. Meist haben die Animal Hoarder wenig bis keine Freunde und sind aufgrund einer verzögerten Entwicklung auch nicht sozial verankert. In den Tieren finden sie vermeintlichen Halt, Trost und Sicherheit und können daher von dem angesammelten „Besitz“ nicht loslassen. Die Tiere geben ihnen eine Struktur, die sie sonst nicht aufbauen können. Die Tiere bestimmen ihr Leben und paradoxerweise wird dadurch die Einsamkeit noch größer.

Die Tiersammler bemerken dabei nicht, dass ihnen das Leben eigentlich entgleitet und nur eine Schein-Sicherheit bietet. Aufgrund des nicht erlebten Urvertrauens haben die Betroffenen dazu Schwierigkeiten, sich verwundbar zu zeigen und damit Hilfe zu suchen oder loszulassen. Bei Wegnahme oder Reduzierung der Tiere erfahren diese Menschen einen totalen Kontrollverlust, der sie in existentielle Panik versetzt, zumal sie grundsätzlich mit Aggressionen auf Veränderungen reagieren. Zusätzlich zur fehlenden oder mangelnden Selbstreflexion kommt noch das Gefühl, keiner umsorge die Tiere so gut wie sie selber, was sie an ihrem Tun letztendlich auch nicht zweifeln lässt.

Wie „funktioniert“ Animal Hoarding?

Aus der Beziehungslosigkeit zu Menschen, der Distanziertheit und der Angst vor (erneuter) Verletzung bei Nähe zu anderen entsteht die falsch verstandene Tierliebe. Diese geht zuweilen sogar soweit, dass aus Vorsicht, um nicht entdeckt zu werden, die Tiere nicht einmal Aus- oder Freigang bekommen! Leben die Tiersammler auf einem eigenen Grundstück, verbarrikadieren sie sich oft mit hohen blickdichten Zäunen, zugehängten Fenstern etc. Besucher werden mit Ausreden vertröstet, Handwerker etc. bekommen keinen Zutritt und so verwahrlosen Wohnung, Haus oder Grundstück ebenso. Auch Kleidung, äußere Erscheinung und Sauberkeit werden mitunter vernachlässigt. Durch die psychischen, mentalen, sozialen und finanziellen Defizite sind diese Menschen nicht in der Lage, die Tiere artgerecht zu halten, d.h. sie ausreichend mit Futter und medizinisch zu versorgen. In der Folge leidet die Hygiene, die Gesundheit und auch die Sozialisierung der Tiere: sie sind häufig krank, unter- bzw. fehlernährt, von Parasiten befallen, verelendet und verhaltensgestört!

Trotz dieser offensichtlichen Defizite sieht sich der „Tiermessie“ in seiner Tierpflege durchaus als omnipotent und allein kompetent: Selbst Tierärzte wissen nicht so gut Bescheid wie sie! Je nach Eigeneinschätzung unterscheidet man dabei drei Typen des Animal Hoardings:

  1. Den übertriebenen Pfleger: er kann nichts wieder hergeben, der alles besser kann als alle anderen und zu jeder Zeit genau weiß, was das einzig Richtige ist.
  2. Den Züchter: Er kann seine eigentlich zur Abgabe vermehrten Tiere nicht mehr hergeben und verpasst den Zeitpunkt, die Elterntiere beizeiten zu kastrieren.
  3. Der Retter bzw. Befreier: Er sieht überall Not und Elend und muss immer und ungefragt bis zur Selbstaufgabe helfen, da menschliche Beziehungen fehlen bzw. dadurch weiter verloren gehen. Er weiß als Einziger, wie man es richtig macht. Er ist süchtig nach dem guten Gefühl, geholfen zu haben.

Wege aus dem „Tier-Chaos“!

Solange man hierzulande den „„Tiermessies“ ausschließlich mit Entzug, Bewährungs-, Geld- oder Freiheitsstrafen versucht zu begegnen, wird sich an der Situation selten etwas ändern. Nach der Bestrafung fehlen die Kontrollen, die Absprache zwischen den Veterinärämtern und anderen (v.a. sozialen) Behörden, denn die bestraften Animal Hoarder entziehen sich dem durch Wegzug in andere Länder und Gemeinden. Und der Beschlagnahmung der Tiere geht meist ein langer, steiniger behördlicher Weg voraus, denn nicht selten wehren sich die Betroffenen mit allen Mitteln dageben. Erst die Behandlung der sozio-psychologischen Ursachen und eine therapeutische Begleitung könnten echte Erfolge zeigen und vor allem den Tieren viel Leid ersparen.

Die Betroffenen müssen dazu verstehen, wie sie in diese Situation geraten sind. Ihnen muss mit fachlicher Anleitung bewusst werden, wie es soweit kommen konnte und warum sie dieses Tierelend zulassen konnten. Das ist zunächst ein enormer Stressauslöser, der nur mit psychologischer Hilfe abzufangen ist. Als nächstes muss den Betroffenen klar werden, welche Rolle Tiere in ihrem Leben spielen und dass sie eine Ersatzbefriedigung für ihre zwischenmenschliche Defizite sind. Nach dieser Bewusstmachung kann eine sog. „obzessive Umkehrung“ zu einem Umdenken und verantwortungsvollen Umgang mit Tieren führen. Dabei begegnen die Betroffenen den Tieren zunächst betont kühl und nicht liebevoll, anschließend aber übermäßig liebevoll, um ihr ungesundes Verhalten zu den Tieren verstehen zu lernen. Erst danach besteht eine Möglichkeit, dass auch „„Tiermessies“ einen verantwortungs- und maßvollen Umgang mit Tieren erlernen.